{"id":1115,"date":"2010-01-11T20:17:05","date_gmt":"2010-01-11T18:17:05","guid":{"rendered":"http:\/\/philipbanse.de\/wp\/?p=251"},"modified":"2014-05-23T21:55:16","modified_gmt":"2014-05-23T19:55:16","slug":"pb010-hauptstadt-der-hacker-deutschlandradio","status":"publish","type":"podcast","link":"https:\/\/philipbanse.de\/wp\/pb010-hauptstadt-der-hacker-deutschlandradio\/","title":{"rendered":"PB010 Hauptstadt der Hacker (Dradio)"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/dradio.de\/dkultur\">Deutschlandradio Kultur<\/a> einen Beitrag gemacht mit dem zur\u00fcckhaltenden Titel <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/laenderreport\/1094844\/\">Berlin &#8211; Welt-Hackerhauptstadt<\/a>. Es gibt starke inhaltliche \u00dcberschneidungen mit meinem <a href=\"http:\/\/philipbanse.de\/wp\/pb008-hacker-in-berlin-swr-2\/\">Beitrag zum Thema f\u00fcr SWR 2<\/a>.<\/p>\n<p>In den Hauptrollen <a href=\"http:\/\/www.phenoelit.net\/lablog\/\">Felix FX Lindner<\/a>, <a href=\"http:\/\/laforge.gnumonks.org\/weblog\/\">Harald Welte <\/a> und <a href=\"http:\/\/blog.freifunk.net\/juergen-neumann\">J\u00fcrgen Neumann<\/a> von <a href=\"http:\/\/Freifunk.net\">Freifunk.net<\/a>.<\/p>\n<p>Der Beitrag lief am 11. Januar 2010 um 13.05 im Deutschlandradio Kultur. Den kompletten Text gibt es hier:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im ersten Stock des Berliner Congress Centers startet ein Quadrokopter, flach und rund wie ein Ufo, ein halber Meter Durchmesser, f\u00fcr Auftrieb sorgen vier Rotoren. Der ferngesteuerte Flugroboter war eine Attraktion auf dem 26. Chaos Communication Congress. Zwischen Weihnachten und Neujahr trafen sich hier mehrere Tausend Hacker und Technikinteressierte. Was noch vor wenigen Jahren ein Familientreffen der deutschen Hacker aus dem Chaos Computer Club war, ist mittlerweile ein internationaler Kongress. Im Zentrum Themen wie Datenschutz, \u00dcberwachung und die Bauf\u00e4lligkeit vieler uns alle umgebender Techniken. Dass diese Themen in Berlin verhandelt werden, ist kein Zufall. Berlin gilt als Hacker-Hauptstadt des Planeten. Anzahl, Selbstverst\u00e4ndnis, Wissen und Organisationsgrad der Berliner Hacker sind weltweit einzigartig, sagt der Amerikaner Mark Fonseca Rendeiro, in der Szene besser bekannt als bicyclemark, Blogger und Netz-Journalist:<\/p>\n<p>&#8222;Die Hacker in Berlin werden gesehen als Anf\u00fchrer. Das gilt f\u00fcr die deutsche Hacker-Gemeinschaft insgesamt, aber Berlin gilt als eine Art Antenne. Das sehen sogar Amerikaner so. US-Hacker bewundern deutsche Hacker. Sie wollen gar nicht besser sein, sie wollen erst mal genauso gut sein, wenn m\u00f6glich. Sie \u00fcbernehmen viele Ideen, lassen sich inspirieren, lernen viel von der Berliner Community. Berlin als Hacker-Hauptstadt &#8211; das mag sich in Zukunft \u00e4ndern. Aber derzeit wird hier definiert, wie man sein will, Berlin als Idol.&#8220; <\/p>\n<p>Harald Welte: &#8222;Wir sind jetzt im Keller des Chaos Computer Club Berlin e.V. Wir haben hier zwei Stockwerke, ein Keller und ein Erdgeschoss wir haben eine Schlie\u00dffachanlage, wo Leute ihre Backups einschlie\u00dfen k\u00f6nnen.&#8220; <\/p>\n<p>Der Chaos Computer Club, kurz CCC, ist das organisatorische Zentrum der deutschen Hackerszene. Der Verein ist eine der f\u00fchrenden deutschen Lobbyorganisationen f\u00fcr digitale B\u00fcrgerrechte. Das Bundesverfassungsgericht l\u00e4dt die Hacker des CCC regelm\u00e4\u00dfig als Gutachter ein. <\/p>\n<p>&#8222;Ich bin Harald Welte, ich bin Software-Entwickler, ich bin Hardware-Entwickler, ich bin Hacker.&#8220; <\/p>\n<p>Harald Welte ist Mitglied im CCC und einer der angesehensten Berliner Hacker. Er f\u00fchrt durch das Hauptquartier des CCC in der Berliner Marienstra\u00dfe, Hinterhof, Erdgeschoss und Keller. <\/p>\n<p>&#8220; &#8230; da muss ich mal eben das Licht anmachen &#8211; unser Labor. Auch so ein kleines Elektronik-Labor mit allen m\u00f6glichen Ger\u00e4ten: Oszilloskop, alle m\u00f6glichen Kabel.&#8220; <\/p>\n<p>&#8222;Mein Beruf? Hmm, das ist schwierig. Ich mache halt diese ganzen Dinge, weil ich mich daf\u00fcr begeistern kann, weil da Interesse da ist und auch die Verpflichtung und Berufung, die Gesellschaft \u00fcber bestimmte Dinge aufzukl\u00e4ren. Beruf wird das ganze immer dann, wenn eine Firma bereit ist, daf\u00fcr zu zahlen, f\u00fcr Entwicklungen in diesem Bereich.&#8220; <\/p>\n<p>Welte ist Autodidakt. Nie studiert, immer viel gelesen, gebastelt, getrieben von Neugier und Spieltrieb. Heute ist Welte ein gefragter Experte, er ber\u00e4t Hardware-Produzenten in Taiwan. Der 30-J\u00e4hrige unterscheidet zwischen Crackern und Hackern. Beide suchen nach L\u00fccken in technischen Systemen. Cracker missbrauchen sie, nutzen Sicherheitsl\u00fccken zum eigenen Vorteil, klauen Geld, Datens\u00e4tze, Kreditkartennummern, Hacker dagegen wollen die Systeme besser machen, warnen die Verantwortlichen und geben ihnen Zeit, die Lecks zu stopfen. Die Hacker-Gemeinschaft versteht sich als Immunsystem der technisierten Gesellschaft. <\/p>\n<p>Welte: &#8222;Ich sehe Leute wie mich, die eben Schwachstellen finden und die \u00f6ffentlich dokumentieren und bekannt machen, als den Boten. Letztlich sind es nicht wir, die diese mistigen Systeme implementiert haben, sondern wir sind nur diejenigen, die das herausfinden. Oft kommt das in der \u00f6ffentlichen Berichterstattung nicht heraus. Da sind das immer die b\u00f6sen Hacker, die versuchen, jemanden \u00fcbers Ohr zu hauen. Das ist einfach nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass die Industrie nicht das n\u00f6tige Augenmerk auf die Sicherheit legt.&#8220; <\/p>\n<p>Auf dem CCC-Kongress sprach Harald Welte im \u00fcberf\u00fclltem Saal 1 vor 1200 Zuh\u00f6rern \u00fcber sein Spezialthema: GSM, die Technik hinter fast allen Mobilfunk-Netzen dieser Welt. Doch GSM, DIE Mobilfunk-Technik, ist alt und voller Sicherheitsl\u00fccken. Im Prinzip kann heutzutage jeder Mobiltelefonate abfangen, mith\u00f6ren, aufzeichnen. <\/p>\n<p>Harald Welte zeigt auf ein graues Ger\u00e4t unter seinem Schreibtisch: Eine Basisstation f\u00fcr Mobilfunkmasten, so gro\u00df wie ein Koffer, Gewicht: 48 Kilo. Er hat ein ganzes Lager voll von diesen Mobilfunk-Stationen und verkauft sie \u00fcber das Internet. <\/p>\n<p>Welte: &#8222;Und mit diesem Ger\u00e4t und einer Software, die ich geschrieben habe, die auf einem PC l\u00e4uft, kann man jetzt eben ein Mobilfunknetz simulieren, das hei\u00dft es funktioniert jetzt wie eine Basisstation. Ich kann also dar\u00fcber ein Gespr\u00e4ch abwickeln. Und wenn diese Basisstation sich ausgibt als zum Beispiel Vodafone oder T-Mobile, dann wird ein Vodafone- oder T-Mobile-Kunde versuchen, sich mit dieser Basisstation in Verbindung zu setzen. Der hat keine M\u00f6glichkeit herauszufinden, dass das gar keine echte Station ist von T-Mobile oder Vodafone.&#8220; <\/p>\n<p>&#8222;Und dadurch, dass ich das Netz bin, kann ich eben die Gespr\u00e4che mitschneiden und sonst irgendwas tun.&#8220; <\/p>\n<p>Beihilfe zum Abh\u00f6ren von Handy-Telefonaten? Nein, meint Harald Welte: <\/p>\n<p>&#8222;Das ist schon immer m\u00f6glich! Ich mache das jetzt zug\u00e4nglicher. Aber die organisierte Kriminalit\u00e4t die hat das Geld, die kann sich auch eine normale, regul\u00e4re Basisstation kaufen f\u00fcr 100.000 Euro, ja, wenn die Interesse haben, bei einem Politiker mit zuh\u00f6ren und den zu erpressen mit Informationen, die sie da erhalten, dann ist das f\u00fcr die ein absoluter Klacks. Dass man das jetzt f\u00fcr unter 1000 Euro haben kann, ja, das ist eben die Demokratisierung dieser Dinge. Letztlich m\u00fcssen die Probleme an der Ursache gel\u00f6st werden, die Netze m\u00fcssen sicher gemacht werden. Und dann ist es egal, ob jemand 1000 oder 100.000 Euro investiert, er kommt trotzdem nicht ran. Das ist das Ziel.&#8220; <\/p>\n<p>Und der beste Weg dahin ist, laut Welte, die Technik allen zug\u00e4nglich zu machen, damit alle forschen und nach L\u00fccken suchen k\u00f6nnen. Denn gef\u00e4hrlich seien Sicherheitsl\u00fccken vor allem, wenn nur Eingeweihte sie kennen und unbemerkt nutzen k\u00f6nnen. Doch mit dieser Hacker-Philosophie st\u00f6\u00dft er selten auf offene Ohren: <\/p>\n<p>&#8222;Es ist unglaublich deprimierend letztlich. Man sieht, was da alles passiert, man hat ganz<br \/>\nlegitim sehr viel dazu zu sagen. Jetzt nicht nur, weil man sich selbst \u00fcbersch\u00e4tzt, sondern man kennt sich damit aus, teilweise besser als die Leute in der Industrie. Aber letztlich h\u00f6rt ja dann doch niemand auf die Hacker, weil letztlich die Lobby der Industrie, irgendwelche Dinge zu verkaufen, dann doch wieder zu gro\u00df ist.&#8220; <\/p>\n<p>Felix Lindner: &#8222;Medien haben Schwierigkeiten, das korrekt wiederzugeben, was wir machen. Demzufolge werfen sie ein falsches Licht auf die Hacker und deswegen m\u00f6chte man die eigentlich nicht im Haus haben.&#8220; <\/p>\n<p>Ein B\u00fcro im Berliner Bezirk Kreuzberg; Sitz der Firma Recurity Labs. Schwarze Auslegware, wei\u00dfe W\u00e4nde, am Schreibtisch sitzt immer etwas verschmitzt l\u00e4chelnd:<\/p>\n<p>&#8222;Felix Lindner, auch bekannt als fx, wie alt bin ich jetzt? 32. Beruf: Security Consultant, beruflicher Hacker.&#8220; <\/p>\n<p>Felix Lindner erkl\u00e4rt anderen Firmen, wie sie ihre Software sicher machen. Damit verdient er sein Geld. Ansonsten spielt er gern mit Routern. Router sind Netzwerkknoten, Kreuzungen der Datenautobahn. Router sagen Datenpaketen, ob sie links oder rechts lang m\u00fcssen, verteilen die Daten des Internets um den Globus. Kein Internet ohne Router. Die unscheinbaren schwarzen Kisten sind Lindners Spielzeug, sechs dieser flachen Ger\u00e4te stehen gestapelt in einem Meetingraum. <\/p>\n<p>Felix Lindner: &#8222;Gro\u00dfe und kleine Boxen in der Preisklasse zwischen 800 und 800.000 Euro (lacht). Das ist mein Spielplatz.&#8220; <\/p>\n<p>&#8222;Das ist genau mein Spielplatz, das mache ich nicht beruflich, da gibt es kein Geld f\u00fcr. Ich bin sehr dankbar daf\u00fcr, dass die schneller Zeug produzieren, als ich es auseinander bauen kann, weil die machen den Spielplatz immer gr\u00f6\u00dfer. Das ist intellektuell anspruchsvoll genug, nicht zu anspruchsvoll f\u00fcr mich, und man entdeckt halt die neuen Sachen auch eher durch Spielen.&#8220; <\/p>\n<p>Z\u00f6gernd, aber doch ein bisschen stolz, zeigt Hacker Felix Lindner, was er so macht mit seinen Routern. Er sitzt wieder in seinem B\u00fcro und blickt auf einen Computerbildschirm voller Textzeilen.<\/p>\n<p>&#8222;Was wir hier sehen, ist das Langweiligste von der Welt: Es ist ein Disassembly f\u00fcr ein Cisco-Betriebssystem f\u00fcr einen MIPS-basierten gr\u00f6\u00dferen Router, mit dem ich mich gerade besch\u00e4ftige.&#8220; <\/p>\n<p>Noch mal langsam: Router sagen Datenpaketen, wo sie lang m\u00fcssen. Dazu haben Router eine Software, das Betriebssystem. Nullen und Einsen, nur f\u00fcr Maschinen lesbar, f\u00fcr Menschen unverst\u00e4ndlich. Will ein Hacker wissen, was ein Router wirklich tut, muss er aus Nullen wieder W\u00f6rter machen, den Code disassamblen, zur\u00fcckrechnen. <\/p>\n<p>&#8222;Und jetzt sieht man hier die ganzen Zeichenketten, die da drin auftauchen. Und dann kann man jetzt zum Beispiel daher gehen (tippt) und suchen, naja, wo sagt er den etwas \u00fcber &#8218;falsches Passwort&#8216;? Weil das ist so eine \u00fcbliche Geschichte, die man dann loswerden will.&#8220; <\/p>\n<p>Denn wenn man diese Passwort-Abfrage los wird, sprich, wenn der Router nicht mehr fragt, ob ein Passwort falsch ist &#8211; dann akzeptiert er jedes Passwort.<br \/>\nDie Zugangskontrolle ist dann aufgehoben, Angreifer haben freie Bahn, k\u00f6nnen Daten-Pakete umlenken, aufhalten, wegwerfen. Wie aber k\u00f6nnen solche Sicherheitsl\u00fccken \u00fcberhaupt entstehen? Felix Lindner erkl\u00e4rt das mit einem Beispiel: Angenommen ein digitales System soll aus Milch Schlagsahne machen. Was schreibt dann der Programmierer?<\/p>\n<p>&#8222;Der schreibt ja nicht: Mache Schlagsahne! Sondern das ist ja eine viel feingranularere Instruktionsfolge. Der sagt ja nicht mal: Geh Milch kaufen! Sondern das w\u00fcrde so in der Art sein wie: Geh mal an folgende GPS-Koordinaten! Ich wei\u00df, dass da ein Gesch\u00e4ft ist. Dann check mal die Zeit, ob zwischen 8 Uhr morgens und 20 Uhr abends. Wenn zwischen 8 Uhr morgens und 20 Uhr abends, r\u00fcttle an der T\u00fcr, sonst geh wieder nach Hause, weil sonst Alarmanlage los. Auf dieser Granularit\u00e4t l\u00e4uft das ja. Und da kann man ja schnell mal was vergessen. Man versuche mal einem Menschen, der \u00fcberhaupt Null selber mitdenkt, Arbeitsanweisungen zu geben. Jeder, der das mal probiert hat, wei\u00df, da kommt exakt gar nicht das dabei raus, was man haben wollte, weil man eine f\u00fcr einen selber v\u00f6llig klare Geschichte einfach nicht klar gesagt hat. Und das mit dem &#8218;Man hat nicht so ganz klar gesagt, was man haben wollte&#8216; ist eigentlich die klassische Geschichte, wo dann L\u00fccken entstehen.&#8220; <\/p>\n<p>Mit Neugier, \u00dcberzeugung und Spieltrieb haben Berliner Hacker jedoch nicht nur l\u00f6chrige Systeme demaskiert. Wer Technik versteht und anders nutzt als die Packungsbeilage nahelegt, kann ganz neue Technik entwickeln.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Neumann, unter der Woche IT-Berater in Anzug und Krawatte, klettert auf das Dach eines ehemals besetzten Mehrfamilienhauses in Berlin-Friedrichshain. <\/p>\n<p>J\u00fcrgen Neumann: &#8222;Das ist unser Antennenmast, da sind auch ein paar Antennen dran und \u00fcber diese Antennen sind wir auch mit anderen Freifunkern in Berlin vernetzt.&#8220;<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Neumann ist Freifunker. Freifunker haben \u00fcber Berlin ein Funknetz f\u00fcr Daten installiert, im Prinzip wie ein WLAN, ein drahtloses Netzwerk, in der Wohnung, jedoch ausgelegt \u00fcber mehrere Stadtviertel. Tausende Bastler haben sich beteiligt, haben handels\u00fcbliche WLAN-Router mit Freifunk-Software bespielt und ihre Ger\u00e4te am Fenster aufgestellt. Besonders hilfreich: Einige Kirchengemeinden haben den Freifunkern erlaubt, Antennen in Kircht\u00fcrmen zu platzieren. <\/p>\n<p>J\u00fcrgen Neumann steigt vom Dach und setzt sich im Gemeinschaftsraum vor einen Rechner.<\/p>\n<p>&#8222;Hier sehe ich jetzt einen Stadtplan mit ganz vielen bunten Linien. Diese Linien zeigen die tats\u00e4chliche Funkverbindung. Die blinkenden Punkte sind die einzelnen WLAN-Router und die unterschiedlichen Farben der Linien signalisieren die Qualit\u00e4t der Verbindung.&#8220; <\/p>\n<p>Freifunker gibt es in ganz Deutschland, aber in Berlin fing alles an. Inspiriert durch zwei Londoner Funknetz-Initiativen startete J\u00fcrgen Neumann 2002 die Berliner Freifunk-Gruppe. Wichtiges Motiv f\u00fcr viele, die sich dem freien Funknetz anschlossen: Viele Ostberliner Haushalte konnten von kommerziellen Anbietern keinen schnellen Internetzugang bekommen. Mit der Freifunktechnik sollten diese Haushalte unkompliziert und gratis Zugang bekommen zu bestehenden schnellen Internetanschl\u00fcssen. Heute sind schnelle Internetzug\u00e4nge auch in Ostberlin fast \u00fcberall zu haben. Und dennoch ist die Freifunker-Gemeinschaft sehr aktiv.\t<\/p>\n<p>Neumann: &#8222;Es ist auch ein Experiment. Es geht auch darum, das Ganze als technische Spielwiese zu begreifen, neue Technologien zu entwickeln. Das hei\u00dft da forschen Leute au\u00dferhalb der Institutionen in Hacklabs wie der cbase oder dem CCC und entwickeln ihre eigenen Ideen und bringen so eine Technologie voran, die man so an andere Stelle gar nicht weiter verfolgt.&#8220; <\/p>\n<p>Eine Technologie, die in anderen L\u00e4ndern wertvolle Dienste leistet &#8211; dort, wo nicht \u00fcberall Kabel im Boden liegen und wo Internetzug\u00e4nge eine teure Rarit\u00e4t sind. J\u00fcrgen Neumann ruft die Website von &#8222;Wireless Ghana&#8220; auf. Dort berichtet eine Dorfgemeinschaft, dass sie mit billiger Technik und der Berliner Freifunksoftware ein ganzes Dorf mit Internet versorgen konnte.<\/p>\n<p>Neumann: &#8222;Da bin ich jetzt schon ein bisschen stolz (lacht). Obwohl mir klar ist, dass das nicht mein Verdienst ist, sondern dass das Ergebnis der Entwicklungsarbeit ist, die ganz, ganz viele Leute da rein gesteckt haben. Aber trotzdem freue ich mich, dass so ein Projekt, was ich mit initiiert habe, dass das jemand in Ghana dann so beschreibt. Das finde ich dann schon toll, und das motiviert mich weiter zu machen.&#8220; <\/p>\n<p>Berlin als Abteilung f\u00fcr Forschung und Entwicklung in einer globalisierten Welt. Eines der wichtigsten Labore der Berliner Hacker ist die cbase. Hier basteln die Freifunker an ihrer Software und auch Felix Lindner, der Mann, der mit den Routern spielt, ist regelm\u00e4\u00dfiger Gast.<\/p>\n<p>Lindner: &#8222;Wir gehen jetzt in die cbase &#8211; eigentlich ist es ja eine Raumstation unter Berlin. Aber da musst du die Einwohner zu befragen.&#8220;<\/p>\n<p>Eine Eisentreppe f\u00fchrt hinab in die cbase. Kellerr\u00e4ume, alte Spielautomaten stehen herum, schummriges Licht, alte Sofas, Menschen mit Laptops auf dem Scho\u00df. Eine Hacker-Legende besagt, dass unter Berlin ein abgest\u00fcrztes Raumschiff begraben liegt, der Funkturm am Alex ist seine Antenne. Erste Ausgrabungen haben Teile des Raumschiffs freigelegt, das ist die cbase, erkl\u00e4rt Vereinsmitglied T.<\/p>\n<p>&#8222;Dadurch, dass wir diesen Deckmantel, Mythos Raumstation haben, geht&#8217;s eben darum, eine Raumstation ist etwas, wo viele Tausend Menschen eine lange Zeit verbringen und zusammenleben. Da sind eben auch Aspekte wie Kultur, wie Kommunikation, wie Essen, Trinken, Kunst und so weiter wichtig. Und wir versuchen eben R\u00e4ume zu schaffen und sie hier in Berlin K\u00fcnstlern, Hackern und so weiter zur Verf\u00fcgung zu stellen.&#8220; <\/p>\n<p>Welte: &#8222;Diese ganzen Sachen, man hackt da, man macht irgendwas, das sind Sachen, die man oft alleine tut. Aber die Hackerkultur ist halt der Austausch mit den anderen. Es sind halt Leute, die einen ganz bestimmten Blickwinkel haben, die immer versuchen, hinter die Dinge zu schauen, die sich selten mit einer bestimmten Aussage abfinden lassen, sondern, die immer suchen nach L\u00fccken in der Argumentation, wo ist irgendwas unschl\u00fcssig, wo sind &#8211; jetzt gar nicht nur technologische &#8211; Angriffspunkte. Und das ist nat\u00fcrlich sehr sch\u00f6n, wenn man da andere Leute hat, die \u00e4hnlich veranlagt sind.&#8220; <\/p>\n<p>Felix Lindner: &#8222;Das ist mir durchaus wichtig, ja. Okay, ja, ich bin ein Freak, aber es gibt noch ein paar andere Freaks und die sind genauso wie ich, das ist sch\u00f6n. Man f\u00fchlt sich ein bisschen weniger alleine auf der Welt.&#8220; <\/p>\n<p>Gebt den Hackern ein Zuhause &#8211; diese Idee der Berliner hat die Hackergemeinde weltweit elektrisiert, erkl\u00e4rt Blogger bicyclemark:<\/p>\n<p>&#8222;Die Berliner Hacker werden am meisten bewundert f\u00fcr ihre Art sich zu organisieren<br \/>\nund dass sie mehr sind als ein Club. Man kann hier seine Berufung suchen: Du kannst eine Karriere starten oder die Welt retten. Hier kannst du deine F\u00e4higkeiten auf die Schliche kommen &#8211; so wie das fr\u00fcher mal in Universit\u00e4ten war: Wenn du dich nur lange genug in diesem Biotop aufh\u00e4ltst, wei\u00dft du besser, was du auf diesem Planten zu tun hast.&#8220; <\/p>\n<p>Und nirgendwo gedeiht die Hackerkultur so gut wie in Berlin meint Felix Lindner, alias fx:<\/p>\n<p>&#8222;In Berlin ist das schon sehr ausgepr\u00e4gt, es gibt einfach viele davon &#8211; also Hacker pro Einwohner oder Hacker pro Quadratmeter. Habe ich schon den Eindruck, dass das in Berlin sehr hoch ist. Es gibt nur wenig St\u00e4dte, mit denen ich dieselbe Hacker-Dichte assoziiere, was nicht hei\u00dfen muss, dass ich da recht habe, ist ja auch eine gef\u00fchlte Geschichte.&#8220; <\/p>\n<p>Geringe Lebenshaltungskosten, viel Platz und sehr viele, sehr f\u00e4hige Leute &#8211; das sind die Zutaten, sagen die beiden Hacker Felix Lindner und J\u00fcrgen Neumann:<\/p>\n<p>&#8222;Ich denke, dass der CCC da sicher ein treibender Faktor dahinter ist. Aber ich<br \/>\ndenke, das hat auch etwas damit zu tun, was f\u00fcr Leute so nach Berlin ziehen. Es ist eine junge wilde Stadt, kein schw\u00e4bisches Dorf. Und wenn junge Leute auf der Suche nach alternativen Wahrheiten auf Hacker treffen, dann kommt es schon h\u00e4ufiger mal vor, dass sie sagen: Mensch, ja, das ist eine Geschichte, k\u00f6nnte ich mir vorstellen, mir das mal genauer anzuschauen, fangen mal an, reinzuf\u00fchlen und potenziell bleiben sie dabei.&#8220; <\/p>\n<p>J\u00fcrgen Neumann: &#8222;Es ist eine ganz interessante Mischung aus Platz, Wissen und Freiheiten, die hier existiert und deren Wert man gar nicht hoch genug sch\u00e4tzen kann. Immer wenn ich in anderen St\u00e4dten bin und merke, wie schwer sich Leute da \u00fcberhaupt tun, mal R\u00e4ume zu finden oder wie sehr sie auch dem kommerziellen \u00dcberlebensdruck ausgeliefert sind, dann haben wir mit diesem immer noch erhaltenen grungigen Berlin einen ganz hohen Wert, den es auch gilt weiterhin zu erhalten.&#8220; <\/p>\n\n            <div class=\"podlove-web-player intrinsic-ignore podlove-web-player-loading\" id=\"player-69f263908bff7\"><root data-test=\"player--xl\" style=\"max-width:950px;min-width:260px;\">\n  <div class=\"tablet:px-6 tablet:pt-6 mobile:px-4 mobile:pt-4 flex flex-col\">\n    <div class=\"flex-col items-center mobile:flex tablet:hidden\">\n      <show-title class=\"text-sm\"><\/show-title>\n      <episode-title class=\"text-base mb-2\"><\/episode-title>\n      <subscribe-button class=\"mb-4 mobile:flex tablet:hidden\"><\/subscribe-button>\n      <poster class=\"rounded-sm w-48 shadow overflow-hidden\"><\/poster>\n      <divider 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